A Travellerspoint blog

Tag 3

Im Land der Rosen

sunny 25 °C

Während der Nacht sind wir ein ganz gutes Stück bergwärts weitergekommen. Irgendwo ab dem Ort Silistra bildet die Donau wieder eine natürliche Grenze zwischen Rumänien im Norden und Bulgarien im Süden. In Bulgarien heißt die Donau Dunav. Der bulgarische Anteil an der Donau beträgt 472 Kilometer.

Karte Tag 3

Karte Tag 3

Da unser Ausflug erst am Nachmittag beginnen würde, hatten wir Zeit zum Ausschlafen und nahmen das Frühstück etwas später ein. Gerade als wir uns auf das Sonnendeck begaben, tauchte auf der rechten, rumänischen Seite die Industriestadt Oltenita auf. Das Wellblech der riesigen Lagerhallen war verrostet und die Fensterscheiben zerschlagen. Die Stadt hat wohl auch mal bessere Zeiten gesehen.

Auf der gegenüberliegenden, bulgarischen Seite liegt die Stadt Tutrakan. Die Häuser des größten Fischerdorfes von Bulgarien sind an den zur Donau hin steilabfallenden Hang gebaut. Sogar wer hier im Friedhof beerdigt liegt, hat eine tolle Aussicht. Am Kamm der Hügel wurden riesige graue sozialistische Plattenbauten errichtet und ein Fernsehturm.

Tutrakan, Bulgarien

Tutrakan, Bulgarien

Sonst ist der Hang voller kleiner und sehr gepflegter Einfamilienhäuser, fast alle mit roten Ziegeln gedeckt und deshalb auch schon weithin sichtbar. Die Stadt beherbergt ein einzigartiges Museum für Donaufischfang und Bootsbau. Hinter den Hügeln liegt das Biosphärenreservat Srebarna, wo viele Zugvögel auf ihren Weg in den Süden rasten.

Tutrakan, Bulgarien

Tutrakan, Bulgarien

Nach diesen beiden gegenüberliegenden Städten rückte die Natur wieder bis ans Ufer heran. Die Region zählt zu den am schwächsten besiedelten Gegenden Europas aber auch zu den ärmsten und rückständigsten Regionen der Europäischen Gemeinschaft. Das rumänische Ufer ist tiefer und eben – das bulgarische Ufer hügeliger. Hier sah man immer wieder Vögel in ihren Nestern und ihr Gezwitscher drang bis auf das Sonnendeck.

Natur entlang der Donau

Natur entlang der Donau

Eigentlich sollten wir um 12:30 Uhr in Rousse anlegen. Die Stunde Verspätung, die wir am Vortag aufgerissen hatten, konnten wir nicht aufholen – im Gegenteil, es war noch mindestens eine Stunde hinzugekommen. Das Hochwasser war nicht das Problem, sondern das viele Treibgut. Nochmals wollte unser Kapitän nicht riskieren, mit einem der großen Baumstämme zusammen zu stoßen. Zum Teil glich die Donau unterhalb der Savemündung einer Müllhalde. Alles, was beim Hochwasser nicht gut festigt war, wurde durch die Wassermassen mitgerissen. Vor allem schwammen hier ganze Container Plastikflaschen in den verschiedensten Größen und Farben. Diese gehen nicht unter und haben eine lange Lebensdauer. Diese Flaschenpost landet garantiert im Schwarzen Meer.

Vor uns überspannte eine zweistöckige Brücke die Donau. Es war 14:30 Uhr und wir hatten Rousse mit über zwei Stunden Verspätung erreicht. Die Brücke der Freundschaft, die 1954 eröffnet wurde, ist mit 2,8 Kilometer die längste Stahlbrücke Europas und war lange Zeit die einzige Verbindung zwischen Bulgarien und der Stadt Giurgiu in Rumänien. Sie besteht aus zwei Etagen – oben fahren Autos, unten die Eisenbahn. Hier würden wir auch die Nacht über vor Anker liegen. Also könnten wir die Nacht an Land verbringen.

Brücke der Freundschaft zwischen Rousse und Girgiu

Brücke der Freundschaft zwischen Rousse und Girgiu

Rousse ist mit circa 170.000 Einwohnern die fünfgrößte Stadt Bulgariens. Die Nähe zur Donau spielte für die Entwicklung der Stadt schon immer eine große Rolle. Hier wurde bereits von den Römern das Kriegsfestungslager Sxaginta Pristis errichtet, was soviel wie „Hafen der 60 Schiffe bedeutet“. Bevor wir jedoch vom Schiff konnten, mussten wir warten, bis das Schiff vom bulgarischen Zoll freigegeben wurde. Einstweilen legten wir schon unseren Empfänger um. Zwei Busse standen am Pier. Eine Gruppe würde eine Stadtrundfahrt in Rousse machen. Die zweite hingegen etwas über das Land fahren und die alte Hauptstadt Bulgariens, Veliko Tarnovo besuchen. Wir hatten uns für den zweiten Ausflug entschieden, da es unser einziger Halt in Bulgarien sein sollte.

Zuerst machten auch wir eine kleine Rundfahrt durch die Stadt. Die Fußgängerzone, die in der Nähe des Hafens liegt, war sehr bevölkert. Die bedeutendsten Sehenswürdigkeiten sind das Pantheon der Helden der Nationalen Wiedergeburt (Gedenkstätte bulgarischer Helden), der Bahnhof, das Opernhaus, das Freiheitsdenkmal und der Freiheitsplatz mit der bulgarisch-orthodoxen Dreifaltigkeitskirche. Wegen seiner schönen Architektur und Innengestaltung der Gebäude, entworfen von italienischen, österreichischen, deutschen und bulgarischen Architekten, wird Rousse als „das kleine Wien“ bezeichnet.

Nach einer circa eineinhalbstündigen Fahrt auf der E85 durch die bulgarische Landschaft erreichten wir Veliko Tarnovo, die ehemalige Hauptstadt Bulgariens. Im Mittelalter herrschte in der Stadt ein reges politisches und kulturelles Leben. Über 200 Jahre lang wurde Veliko Tarnovo in den europäischen Höfen für das dritte Rom und das zweite Konstantinopel gehalten. Die Stadt mit ihren Wohn- und Handwerker-Vierteln sowie zahlreichen Kirchen, Klöstern und Terrassen wurde an den steilen Abhängen der Hügel Zarewetz, Trapesitza und Monina Krepost erbaut.

Auch Bulgarien hat eine eigene Währung, genannt die Leva, was soviel wie Löwe bedeutet. Ein Euro sind 1,96 Leva. Um das viele Geldwechseln zu vermeiden, war in unserem Ausflug eine Kaffeepause mit Kuchen und Toilettenstopp inkludiert. So blieben wir als erstes bei einem der schönsten kommunistischen Prachtbauten der Stadt stehen, dem Interhotel Veliko Tarnovo. Von Außen sieht das Hotel fürchterlich aus. Wir wurden in einen großen Speisesaal mit weichen Teppichen und großen Kristalllustern geführt. Der Kaffee und das Kleingebäck mundeten.

Interhotel Veliko Tarnovo

Interhotel Veliko Tarnovo

Danach gingen wir zu einer Brücke, die über den Yantra führt, der in mehreren Schleifen durch die Stadt fließt. Von dort hatten wir einen grandiosen Blick über die Altstadt und das Denkmal für die Zarenfamilie Assen. Da die Stadt auf steilen Hügeln gebaut ist, sind die Häuser aufeinander gebaut und man könnte sie, wenn man sich ein Meer am Fuße des Abhangs vorstellt, fast mit einem Dorf an der amalphitanischen Küste verwechseln.

Veliko Tarnovo

Veliko Tarnovo

Bevor wir den Rest der Stadt besichtigen würden, fuhren wir in das vier Kilometer entfernte Dorf Arbanasi. Die Straße dorthin führte durch eine malerische Schlucht. Wir fuhren stetig bergauf. Immerhin befanden wir uns in den Ausläufern des Balkangebirges. Von den Hügeln hatte man einen guten Blick auf die ehemalige Hauptstadt zurück und man sah, wie geschützt sie zwischen den Hügeln liegt. Die arbanasischen Händler waren im gesamten türkischen Imperium bekannt. Ihre Häuser ähnelten kleinen Festungen. Sie haben ein strenges und rauhes Erscheinungsbild, ohne Balkone, mit Gittern an den Fenstern und fest geschlagenen Außentüren. Innen allerdings sind sie reich und prachtvoll. Da es diese typischen Häuser nur hier gibt, hat man sich dazu entschlossen, auch alle Neubauten in diesem Stil errichten zu lassen. So entsteht auch ein sehr einheitliches Dorfbild.

Häuser in Arbanasi

Häuser in Arbanasi

Das bekannteste Haus sieht eher aus wie ein verlassener Stall. Niemand würde vermuten, dass sich im seinem Inneren ein so kostbarer Schatz versteckt hält. Die Kirche Sveto Rozhdestvo Hristovo oder die Kirche der Geburt Jesu Christi ist wirklich ein verstecktes Kleinod in den Bergen.

Kirche der Geburt Jesu Christi in Arbanasi

Kirche der Geburt Jesu Christi in Arbanasi

Zuerst betraten wir eine Art Speisesaal mit langen Bänken. Hier wurde früher gemeinsam gegessen, ganz wie beim letzten Abendmahl. An den Wänden und Decken gab es keine Stelle, an der nicht irgendein Bild gemahlen war. Da nur eine privilegierte Oberschichte früher lesen konnte, wurde die Kirche mit Geschichten aus der Bibel bemalen. Es gibt eine eigene Abteilung für Männer und eine für Frauen. Im Osten schließt die Kirche mit einer Kapelle für Johannes den Täufer ab. Die Malereien wurden einmal restauriert, jedoch wurde darauf geachtet, dass die Töne der Naturfarben erhalten blieben. Sie soll die schönste orthodoxe Kirche Bulgariens sein.

Kirche der Geburt Jesu Christi in Arbanasi

Kirche der Geburt Jesu Christi in Arbanasi

Wir setzten danach unseren Rundgang durch das Dorf fort. Hier gab es ein Geschäft, wo man verschiedene Produkte, die aus Rosen gemacht wurden, verkosten konnte. Das war eigentlich das einzige Mal auf unserer 12 tägigen Reise, dass wir vom Reiseleiter in ein Geschäft gelotst wurden. Das Rosental liegt geschützt hinter den Bergen. Bulgarien ist das Land der Rosen. Für die Herstellung eines Kilos Rosenöl benötigt man eine Tonne Rosenblätter. Deshalb wird das Rosenöl hier auch fließendes Gold genannt. Zur Verkostung gab es verschiedene Rosenliköre, kandierte Rosenblätter und Rosengebäck. Jeder Gast erhielt ein kleines Fläschchen Rosenwasser. Bulgarien ist der größte Produzent von Rosenessenzen für die Parfümindustrie.

Nur kurz dauerte die Fahrt zurück nach Veliko Turnovo, wo noch die Besichtigung des Schlossberges auf dem Programm stand. Die sogenannte Zarenfestung beherrscht das Stadtbild. Sie erinnert an die ruhmreiche Zeit der Aseniden, die zu den erfolgreichsten Dynastien Europas gehörten. Der Hügel Zerewetz ist noch von alten Befestigungsmauern umgeben. Gekrönt wird der Hügel von dem Kirchturm der Patriarchenkathedrale. Leider blieb uns keine Zeit mehr sie zu besteigen, denn unser Reiseleiter hatte der Küchenchefin versprochen, pünktlich zum Abendessen wieder an Bord zu sein.

Festungsberg Zerewetz

Festungsberg Zerewetz

Ein bisschen konnten wir jedoch noch in den kleinen Läden der Handwerkergasse stöbern, bevor wir wieder den Bus bestiegen. Bulgarien ist sicher eines der ärmsten Länder der EU. Der Durchschnittslohn eines Angestellten beträgt Euro 400,00 bis 450,00. Die Mindestrente beträgt Euro 75,00 pro Monat, die Höchstrente Euro 440,00. Bei diesen niedrigen Löhnen gab ich zu Bedenken, dass wir auch die Höhe unseres Trinkgeldes für die Reiseleiterin und den Busfahrer überdenken sollten.

Handwerkergasse Veliko Turnaro

Handwerkergasse Veliko Turnaro

Landschaftlich gefiel mir dieser Teil Bulgariens sehr gut. Die Felder waren eher hügelig und nicht so flach wie wir es am Vortag entlang der Donau gesehen hatten. Wir befanden uns hier auch in den Ausläufern des Balkangebirges. Die Dörfer jedoch sahen sehr ungepflegt aus mit ihren verfallenen Fabriksgebäuden und ihren verlassenen Häusern. Die Jugend siedelt in die Stadt.

Wir hatten auch schon wieder Rousse, dem Geburtsort des Schriftstellers Elias Canetti, erreicht. Im Hafen lag die MS Wolga und von ihrer Besatzung wurden wir schon erwartet. Beim Besteigen des Schiffes durften wir nicht darauf vergessen, unsere Hände zu desinfizieren. Wir wollten ja keine Keime mit an Bord bringen. Gegen die Rückgabe unserer grünen Karten erhielten wir unseren Zimmerschlüssel. Wir legten nur kurz unsere Taschen und Jacken in die Kabine und schon begaben wir uns in den Speisesaal. Tatjana hatte schon wieder ein tolles Menü für uns gekocht. Zusammen mit einem (oder zwei) Gläschen von dem ukrainischen, süßen Rotwein war der Abend gerettet. Zuerst hatte ich noch gedacht, in Rousse ein Internet Cafe aufzusuchen, um meine Texte zu posten, aber den weiten Spaziergang zurück in die Stadt wollte ich dann in der Finsternis doch nicht mehr machen.

Desinfektion auf der MS Wolga

Desinfektion auf der MS Wolga

Posted by fegoesdonau 00:50 Archived in Bulgaria

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