A Travellerspoint blog

Tag 4

Bukarest, das kleine Paris des Ostens

overcast 23 °C

Die ganze Nacht lagen wir in Rousse in Bulgarien vor Anker. Es war für Mutti eine ruhige Nacht ohne Plätschern. Wenn das Schiff steht, hörte man in unserer Kabine kaum etwas vom Motorengeräusch und man konnte wirklich gut schlafen. Um unsere Verspätung etwas aufzuholen, wurde unser Programm geändert. Wir würden nach der Stadtrundfahrt in Bukarest nicht mehr nach Giurgiu zurückkehren, sondern das Schiff würde schon nach Turnu Magurele vorausfahren, wo wir wieder an Bord gehen konnten. Wir würden zwar für die Rückfahrt eine Stunde länger benötigen, aber das Schiff würde Zeit gutmachen. Außerdem würden wir die Kataraktenstrecke, einer der interessantesten Teile der Reise, bei Tag durchqueren und nicht erst in der Abenddämmerung. Alle hatten natürlich der kurzfristigen Programmänderung zugestimmt.

Karte Tag 4

Karte Tag 4

Daher hieß es schon früh aufstehen. Als ich aufstand, hatte sich das Schiff schon in Bewegung gesetzt. Eigentlich mussten wir nur die Donau überqueren, den Giurgiu lag schräg gegenüber von Rousse auf rumänischer Seite. Als wir zum Frühstück gingen, hatten wir das Land schon gewechselt – aufgestanden in Bulgarien, getuscht im Niemandsland und gefrühstückt in Rumänien. Das sind alles Vorteile einer Schiffsreise.
Nachdem die Eingangsrevision beendet war, verließen wir das Schiff und teilten uns auf zwei Buse auf. Ich konnte den Platz in der ersten Reihe ergattern. Ich war noch nie in Bukarest gewesen und wollte unbedingt alles gut sehen. Der Ortsname Giurgiu stammt von Genueser Seeleuten, die im 14. Jh. hier eine Handelsniederlassung und die Burg San Giorgio errichteten, wovon heute nur noch ein schiefer Wachturm im Zentrum erhalten ist. Von hier aus würden wir über die Europastraße 85 die Hauptstadt Rumäniens, die 64 Kilometer entfernt ist, in etwa einer Stunde erreichen.

Das Land war wiederum flach und es gab große Felder, auf denen Getreide, Mais, Sonnenblumen und Raps wuchsen. In der Walachischen Tiefebene kann zwei Mal geerntet werden. Auf dieser Schnellstraße fuhren sogar zum Teil Pferdefuhrwerke. Bei einer Tankstelle machten wir einen technischen Stopp. Es galt wie schon so oft, dass hier der Euro akzeptiert wurde. Kurz nach unserem Halt fing es an städtischer zu werden. Man sah viele neue Siedlungen mit Einfamilienhäusern. Danach wurden die Häuser höher und man sah viele Wohnblöcke.

Schnellstraße nach Bukarest

Schnellstraße nach Bukarest

Am Stadtrand gab es auch wieder die neuerbauten Villen der Roma. Dann begegneten wir einer Straßenbahn und wussten, dass wir die Hauptstadt erreicht hatten. Bukarest hat etwa zwei Millionen Einwohner – mit den Vororten und den Pendlern, die täglich anreisen, so um die drei Millionen. Bukarest wurde einer Legende nach von einem Hirten namens Bucur gegründet. Bucurie bezeichnet im Rumänischen glückhafte Freude. Seit 1659 ist sie die Hauptstadt Rumäniens.

Zuerst kamen wir am Denkmal des Unbekannten Soldaten Im Carol I Park vorbei. Unter den fünf geschlossenen Bögen aus rotem Granit waren bis vor der Revolution 1989 die Krypten der kommunistischen Führer. Im Jahr 1991 wurden diese ersetzt durch die Leichen der Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg.

Grabmal des Unbekannten Soldaten, Bukarest

Grabmal des Unbekannten Soldaten, Bukarest

Am Patriarchenhügel hielt der Bus und wir machten einen Spaziergang. Auf diesem Hügel mitten in der Stadt thronen die Patriarchen Kathedrale und das Wohnhaus mit privater Kapelle des Patriarchen der rumänisch-orthodoxen Kirche. In der Kirche von 1656 werden die Reliquien des Bukarester Stadtheiligen Dimitriu verehrt.

Am Patriarchenhügel in Bukarest

Am Patriarchenhügel in Bukarest

Diese Kirche ist nicht nur Innen reich geschmückt, sondern auch Außen. So hatten viel mehr Menschen die Möglichkeit, bildlich von den Heldentaten des Alten und Neuen Testamentes zu erfahren. Die vergoldete Ikonostase trennt den Bereich, der der Öffentlichkeit zugänglich ist, vom Allerheiligsten. Wir hatten Glück, dass gerade eine Messe stattfand und wir so dem eigenartigen Gesang lauschen konnten. In orthodoxen Kirchen gibt es keine Sitzbänke. Die langen Messen werden stehend gefeiert.

Ikonostase Patriarchenkathedrale

Ikonostase Patriarchenkathedrale

Beim Einsteigen erhielten wir unser Lunchpaket. Da Bukarest zu weit vom Schiff entfernt ist, konnten wir nicht für das Mittagessen dorthin zurückkehren. Im Lunchpaket befanden sich verschieden belegte Semmeln, Obst und eine Flasche Mineralwasser. Da es immer wärmer wurde, würde uns ein Schluck guttun. Auf großzügigen Boulevards vorbei an imposanten Bauwerken im Pariser Architekturstil ging unsere Runde durch die Stadt, die den Beinamen „Klein Paris des Ostens“ erhalten hat. Die Nationalbibliothek, das Nationaltheater, die Universität und viele alte Hotels sind beeindruckende Prachtbauten. Die 2,7 Kilometer lange Soseaua Kiseleff führt zum 27 Meter hohen Triumphbogen, der gerade renoviert wurde.

Triumphbogen, Bukarest

Triumphbogen, Bukarest

Die Villen im prachtvollen Botschaftsviertel sind zum Teil wunderschön restauriert worden.

Villen im Botschaftsviertel

Villen im Botschaftsviertel

Gegenüber der Zentrale der CEC Bank, die in einem alten, palastartigen Gebäude untergebracht ist, hielt der Bus, um uns für einen kurzen Rundgang in der Altstadt aussteigen zu lassen. Unser Reiseleiter Vlad zeigte uns auf dem Weg zur Fußgängerzone noch eine der schönsten Kirchen Bukarests, die Stavropoleos-Kirche. Den orientalischen Einfluss sieht man deutlich. Die Fresken und Heiligenporträts sind mit Blattgold wie Ikonen gemalt.

Stavropoleos-Kirche

Stavropoleos-Kirche

Gleich hinter der Kirche beginnt die Altstadt. Die schmalen Gassen gehören zur Fußgängerzone. Das Erdgeschoß der meisten alten Gebäude ist renoviert worden. Hier befindet sich heute die Vergnügungsmeile der Stadt. Es gibt am laufenden Band Restaurants, Cafes, Bars, Diskotheken und Tanzpaläste. Aus der Menge an Plastikbechern, die vor den noch geschlossenen Lokalen lagen, kann man schließen, dass hier am Vorabend die Hölle los war. Wie immer akzeptieren nicht alle Lokale Euros. Vlad zeigte uns ein Cafe, mit dem er anscheinend einen Vertrag hat. Hier konnten wir mit Euros zahlen und auch die Toiletten benutzen.

Vorerst gingen wir aber etwas durch die engen Gassen. Die Eingangsportale waren sehr prunkvoll, doch durfte man seinen Blick nicht über das Erdgeschoß hinausrichten. Die oberen Stockwerke waren zum Großteil in einem desolaten Zustand und manchmal ging man ein gefährliches Risiko ein, wenn man sich an einen der Tische setzte, die im Freien aufgestellt waren. Wir hatten unsere Tischnachbarn getroffen und gemeinsam beschlossen, in der empfohlenen Kneipe irischen Ursprungs einen Kaffee zu trinken. Ich genehmigte mir einen „Cafe Bellis“. Nicht nur der Name klingt gut, sondern er schmeckte auch ausgezeichnet.

Als wir wieder zum Bus zurückkehrten, war es Mittagszeit. Da kam die mit Wurst und Käse belegte Semmel des Lunchpaketes gerade recht. Wieder fuhren wir über einen breiten Boulevard. Am westlichen Ende erschien ein riesengroßes Gebäude. Um Platz für das Bauwerk der Superlative zu schaffen, zu dessen Gesamtkomplex auch weite Teile neuer Plätze und Alleen gehören, wurden Ende der 1970er Jahre teilweise historische Wohnhäuser mit rund 40.000 Wohneinheiten, ein Dutzend Kirchen und drei Synagogen abgerissen und Teile der Altstadt zwangsgeräumt. Baubeginn war 1983. 30.000 Handwerker und 700 Architekten arbeiteten etwa sechs Jahre rund um die Uhr um die verbauten 365.000 m² fertigzustellen. Ceausescu erbaute den monströsen Parlamentspalast, damals noch „Haus des Volkes“ genannt, um vom Balkon aus seine großen Reden zu halten. Dazu ist es nie gekommen. Der Einzige, der jemals vom Balkon sprach, war Micheal Jackson.

Balkon des Parlamentspalastes

Balkon des Parlamentspalastes

Das Gebäude hat eine Länge von 275 Metern, ist 235 Meter breit und hat eine Höhe von 86 Meter über dem Boden und 92 Meter im Untergrund. Nach dem Pentagon ist es das zweitgrößte Verwaltungsgebäude der Welt. Neben den über 3.000 prunkvoll ausgestatteten Zimmern gibt es viele Geheimgänge und Atombunker. Es soll sogar einen unterirdischen Fluchtweg zum Flughafen geben. Nach vielen Umbauten dient das Gebäude seit 1997 als Sitz der rumänischen Abgeordnetenkammer, 2005 bezog auch der Senat seinen Sitz im Palast. Außerdem gibt es in den Räumen ein internationales Konferenzzentrum. In den oberen Etagen befindet sich eine internationale Zoll- und Polizeiorganisation. Auf der Rückseite des Gebäudes ist das Nationalmuseum für Moderne Kunst untergebracht.

Parlamentspalast Bukarest

Parlamentspalast Bukarest

Nach so viel Rummel in der Stadt freuten wir uns schon wieder auf die gemütliche Atmosphäre unseres Schiffes. Zwei Stunden würde die Fahrt über die E70 Richtung Süden zum Hafen in Turnu Magurele dauern. Endlos schien hier die Tiefebene wieder zu sein. Endlos war auch die Länge einer Zeile an Sonnenblumen, die hier hauptsächlich gediehen. In der Kleinstadt Alexandria machten wir noch bei einer Tankstelle eine technische Pause.

Sonnenblumenfeld in der walachischen Tiefebene

Sonnenblumenfeld in der walachischen Tiefebene

Gegen 15:30 Uhr erreichten wir Turnu Magurele. Wir wurden von vielen Kaminen der Industrieanlagen begrüßt. Hier gibt es die größte Düngemittelfabrik des Landes. Der Schiffsanleger sah nicht sehr einladend aus und eigentlich waren wir froh, dass das Schiff gleich ablegte. Am gegenüberliegenden, steileren Ufer liegt die Bulgarische Stadt Nikopol. Die Stadt wird von einem Denkmal überragt, das an die verlorene Schlacht am 25. September 1396 erinnert, als ein christliches Kreuzfahrerheer auf die Osmanen traf und eine herbe Niederlage erleiden musste. Die Türken schlugen die christlichen Kontingente vernichtend. Nikopol stellt daher auch einen wichtigen Meilenstein dar zum Untergang der Kreuzzugsidee.

Nikopol

Nikopol

Bevor unser Tourmanager, der sich selbst als „quasi Beatrice von der MS Deutschland“ bezeichnete, die Ausflüge für die nächsten Tage präsentierte, wurden wir zum Kuchenbuffet geladen. Leider produzierte die Konditormeisterin immer so köstliche Sachen, dass wir nicht widerstehen konnten, einige Stücke davon zu essen. Für Serbien und Kroatien hatten wir die Ausflüge schon mit Buchung der Kreuzfahrt in einem Ausflugspaket bezahlt. Doch gab es bei der Präsentation der Ausflüge immer gute Tipps über den Ablauf der Reisen.

Für nach dem Abendessen hatte ich ein Ticket für eine Verkostung von ukrainischen Weinen gekauft. Hotelmanager Alexander König präsentierte drei Weiß- und drei Rotweine aus dem Bordkeller. Er umrahmte die Veranstaltung mit Witzen und einem Auszug von Briefen, die er von Passagieren erhalten hatte. Außerdem trugen Katja von der Rezeption und die Verkäuferin der Bordboutique einige Lieder vor. Zum Wein wurden verschiedene Käsesorten mit Weintrauben, Erdbeeren und Nüssen gereicht. Alle Weine mundeten, aber ein lieblicher Rotwein des Weingutes Shabo hat es uns besonders angetan und der wurde auch für den Rest der Reise unser Standardgetränk.

Weinverkostung mit Hotelmanager Alexander König

Weinverkostung mit Hotelmanager Alexander König

Danach hatten wir die nötige Bettschwere. Heute Nacht würden wir wieder das Plätschern des Wassers hören und der eine mehr oder der andere weniger gut schlafen. Auf jeden Fall war sicher, dass wir morgen wieder in zwei Ländern aufwachen würden: in der Fahrrinne der Donau, die die Grenze zwischen Rumänien und Serbien bilden würde.

Posted by fegoesdonau 00:51 Archived in Romania

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